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Geschichte der ÖSÖB

Der Ursprung der ÖSÖB geht auf eine Gliederung zurück, die in einigen Volksbibliotheken der "Neuen Bücherhallenbewegung" (z.B. in Berlin) Anfang des 20. Jahrhunderts verwendet wurde. So empfiehlt der Bibliothekar Emil Jaeschke [1] 1907 zur Gliederung des Buchbestandes ein mnemotechnisches Notationssystem, das in den Hauptklassen zu einem großen Teil mit der späteren ÖSÖB übereinstimmt:

A. Werke allgemeinen und vermischten Inhalts, Schrift- und Buchwesen.
B. Biographien, Memoiren und Briefwechsel.
C. Kultur- und Literaturgeschichte, Sprachwissenschaft.
D. Deutsche Geschichte.
E. Erd- und Völkerkunde, Reisebeschreibungen.
F. Fremde Literaturen.
G. Allgemeine und außerdeutsche Geschichte.
H. Heimatkunde.
J. Jugendschriften.
K. Bildende Künste, Kunstgewerbe, Theater, Sport und Spiel.
L. Deutsche schöne Literatur im engeren Sinne (Gedichte und Dramen).
M. Musikwissenschaft.
N. Naturwissenschaften, Heilkunde, Mathematik.
P. Pädagogik, Philosophie, Religionswissenschaften.
R. Rechtswissenschaft.
S. Staatswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik.
T. Technik, Handel und Gewerbe.
U. Deutsche Unterhaltungsschriften (Romane, Novellen, Erzählungen usw.)
Z. Zeitschriften allgemeinen Inhalts.

Andere Elemente der zukünftigen ÖSÖB finden sich bei Josef Luitpold Stern. Stern war 1909 Mitarbeiter der Redaktion der Dresdner Zeitschrift "Kunstwart", für die auch der Volksbibliothekar Walter Hofmann schrieb. Nach seiner Rückkehr nach Wien leitete Stern die Bibliothekskommission der 1908 gegründeten "Zentralstelle für das Bildungswesen" und organisierte den Aufbau eines sozialdemokratischen Arbeiterbüchereiwesens. In seinem "Handbuch für Arbeiterbibliothekare" (1914) schreibt er [2]:


arbeiterbüchereien"Die Bücher sind in drei voneinander zu scheidenden Gruppen aufzustellen: 1. Dichtungen [D] (alle nicht wissenschaftlichen Schriften und Bücher, also die gesamte Belletristik). 2. Die Gesellschaftswissenschaften [G] (wie zum Beispiel Sozialismus, Rechtswissenschaft, Weltgeschichte und Kulturgeschichte, Religion und Philosophie). 3. Die Naturwissenschaften [N] (auch Medizin und Technik). Falls die Bücherbestände auch fremdsprachige Literatur und Jugendschriften enthalten, so sind diese beiden Abteilungen gesondert aufzustellen."


Die Anforderungen an eine Bestandsgliederung ergeben sich dabei aus der erzieherischen Aufgabe der Büchereien:

"Es kommt darauf an, jedem einzelnen Arbeiter und jeder einzelnen Arbeiterin nur solche Bücher zuzuführen, die ihre geistige Entwicklung mehren, die ihren Geschmack bilden und ihre Erkenntniskraft steigern. [...] Die von uns vorgeschlagene Technik kommt diesen Forderungen sehr entgegen. Wenn ein Leser am Schalter erscheint und seine Nummer angibt, so genügt ein Blick des Bibliothekars auf das Leseblatt, um ihm von der geistigen Verfassung des Lesers eine ungefähre Vorstellung zu geben; ist doch schon aus den Signaturziffern der vom Leser entlehnten Bücher zu ersehen, was der Leser bisher bevorzugt hat: D, G oder N."

Die Gliederungen von Jaeschke und Stern wurden später miteinander verbunden. Im Jahr 1949 gab der Verband österreichischer Volksbüchereien (der Vorläufer des BVÖ) eine Systematik heraus, die die Urform der "Österreichischen Systematik für Öffentliche Büchereien" darstellt. [3] Die Gliederung besteht aus den vier Hauptteilen Jugendliteratur (J), Dichtung (D), Sachliteratur, Fremdsprachige Literatur (F). Für die "Mittelbücherei" (mit einem Buchbestand von 800 bis ca. 2000 Bänden) wird eine zusätzliche Aufteilung der Sachliteratur nach folgendem Muster empfohlen:


Ob und von welchen Büchereien diese Gliederung schon vorher verwendet worden war, wann und von wem sie entworfen wurde, ist nicht klar. Bei den Wiener Städtischen Büchereien wurde sie spätestens in den 1940er Jahren zur Gliederung der Auswahlverzeichnisse verwendet.

Auffallend ist, dass es kaum Aufzeichnungen über Klassifikationssysteme in öffentlichen Büchereien in Österreich gibt. In anderen Ländern leidenschaftlich geführte Diskussionen um eine geeignete Systematik für das öffentliche Büchereiwesen, um das Verhältnis von bibliothekarisch-leserpsychologisch oder wissenschaftlich-sachlich orientierter Systematik, um eine internationale Vereinheitlichung der Klassifikationssysteme, um die Auseinandersetzung zwischen Aufstellungs- und Katalogsystematik, sowie um Fragen, die unmittelbar mit der Art der Systematik zusammenhingen (Freihandausleihe versus Thekenbetrieb) - all diese Diskussionen gingen an Österreich ohne spürbare Folgen vorbei.
Dies mag mit den bedeutend kleineren Beständen österreichischer Büchereien begründbar sein, hängt aber auch damit zusammen, dass die aus England kommenden Ideen der "Public Libraries" hierzulande keine Resonanz fanden:

"Das geradezu missionarische Auftreten Walter Hofmanns [der die erstmals in Hamburg 1910 praktizierte Freihandausleihe ablehnte; Anm.] führte dazu, dass seine Ideen auch im Ausland rezipiert wurden. Besonders in Österreich fand er eine überzeugte Anhängerschaft, nicht zuletzt durch den Einsatz seines Freundes Anton Lampa (1868-1938), des ersten Referenten in der Abteilung für Volksbildung im Bundesministerium für Unterricht der Ersten Republik." [4]

In Österreichs öffentlichen Büchereien setzten sich, da es in den Bibliotheken keinerlei Vorbilder der wissenschaftlich-systematischen Ordnung gab und da die Idee der Freihandausleihe nach angelsächsischem Vorbild erst nach mehreren Jahrzehnten Verzögerung rezipiert wurde, vor allem solche Gliederungen durch, die an einer rein bibliothekarischen Praxis und am leserpädagogischen Zweck orientiert waren. Diese Gliederungen zeichnen sich durch eine räumlich und zeitlich sehr begrenzte Verwendbarkeit aus. Eine "objektive" Ordnung, in der sich verschiedenste Leserkreise, auch über einen längeren Zeitraum hinweg, orientieren könnten, war damit nicht bezweckt. Die Orientierung erfolgte entweder durch die persönliche Beratung durch den Bibliothekar, oder durch die Herausgabe von diversen Auswahlkatalogen, die dem Leser einen Überblick über die Bestände gaben, zu denen er selbst ja keinen direkten Zugang hatte. Die Gliederung dieser Auswahl- und Sonderverzeichnisse musste nicht streng festgelegt sein, da es sich nur um eine virtuelle Ordnung handelte, die nicht der Aufstellung der Bücher entsprach.

All dies scheint dazu beigetragen zu haben, dass die zentral vom BVÖ herausgegebene ÖSÖB vorerst keine weite Verbreitung gefunden hat. Mit der Einführung der Freihandbüchereien in den frühen 1970er Jahren waren aber plötzlich auch in Österreich andere Voraussetzungen gegeben.

Eine selbständige Orientierung des Benutzers in einem größeren Medienbestand von Freihandbüchereien ist nur durch eine Art der Aufstellungsordnung zu gewährleisten, die nicht nur ausreichend gegliedert, sondern auch intersubjektiv einigermaßen nachvollziehbar ist. Zudem muss sie möglichst zeitüberdauernd sein, um ein oftmaliges Umreihen und Umsignieren der Medien zu vermeiden. All diese Anforderungen lassen sich nur auf Basis einer vorwiegend wissenschaftlich orientierten Gliederung erfüllen.
Ende der 1960er Jahre wurde nach einer im Rahmen der Umstellung von Theken- auf Freihandbüchereien in Wien erfolgten Überarbeitung und Erweiterung die ÖSÖB neu herausgegeben. Die nächste, sehr vorsichtige, Revision wurde 1995 vorgenommen.

Heute wird die ÖSÖB in den meisten öffentlichen Büchereien Österreichs verwendet; s. hierzu die Statistik aus dem Jahr 2002 [5]:



Die Überarbeitung der ÖSÖB nach 2001

Das Projekt einer weitreichenderen Überarbeitung der ÖSÖB nach 2001 stand in Zusammenhang mit der neuen Hauptbücherei der Büchereien Wien. Bei den Planungen für das Bestandskonzept im neuen Haus wurde deutlich, dass die zur Verfügung stehende Gliederung der ÖSÖB für eine attraktive Bestandspräsentation und für eine effektive Bestandserweiterung – vor allem im Sachbuchbereich - nicht ausreichen würde. 2001 wurde daher eine erweiterte Version der ÖSÖB bei den Büchereien Wien ausgearbeitet. Die Überarbeitung erfolgte - bedingt durch den geplanten Eröffnungstermin des neuen Gebäudes - unter großem Zeitdruck. Sie musste daher zum Teil oberflächlich bleiben, und die Interessen anderer öffentlicher Bibliotheken konnten nicht direkt berücksichtigt werden.
Trotzdem wurde das Projekt von Seiten des BVÖ mit Interesse verfolgt, da man auch hier den Bedarf einer Systematikrevision sah. Anfang 2002 wurde daher ein Systematik-Arbeitskreis ins Leben gerufen, der seine Aufgabe im Jahr 2004 mit der Herausgabe der neuen Österreichischen Systematik für Öffentliche Bibliotheken (ÖSÖB'04) abschließen konnte.



[Gekürzt aus: Oszuszky, Claus: Die Überarbeitung der Österreichischen Systematik für Öffentliche Büchereien (ÖSÖB) unter Berücksichtigung der bibliothekarischen Klassifikationstheorie. Wien, 2004.]

Fußnoten:

[1] Jaeschke, Emil: Volksbibliotheken (Bücher- und Lesehallen): ihre Einrichtung und Verwaltung. Leipzig, 1907

[2] [Stern, Josef Luitpold:] Handbuch für Arbeiterbibliothekare. Hrsg. von der Zentralstelle für das Bildungswesen der deutschen Sozialdemokratie in Österreich. Wien, 1914. S. 1f.

[3] Die Volksbücherei. Die Verwaltung der Klein- und Mittelbücherei. Ausgearb. im Einvernehmen mit dem Bundesministerium für Unterricht vom Verband österreichischer Volksbüchereien. (Schriften zur Volksbildung; hrsg. vom Bundesministerium für Unterricht; Heft 2). Selbstverl., 1949; S. 22f

#[4] Leitner, Gerald / Pascher, Franz: Aufgaben, Organisation und Verwaltung Öffentlicher Bibliotheken. Wien 2002; S. 46

[5] Aus: BVÖ (P:2003): Statistik 2002: <http://www.bvoe.at> (Statistik>Statistik2002), (Z: 08.01.2004); veröffentlicht auch von: Pascher, Franz: Öffentliche Bibliotheken 2002. Statistik Öffentlicher Bibliotheken in Österreich. In: Büchereiperspektiven 3/03, S.56.